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Leseprobe aus "Veanis - Das Reich der Bücherverschlinger"

Aus dem Kapitel "Die Bibliothek der unantastbaren Bücher"
(Die Geschwister Lina und Axel sowie ihr Freund Lüftchen sind im Zauberschloss angekommen und suchen nun nach der Bibliothek der unantastbaren Bücher. Dort soll sich ein Buch befinden, in dem geschrieben steht, wie das Reich der Bücherverschlinger gerettet werden kann.)




Die Geschwister standen in einem runden Saal, von dem aus unzählige Gänge in verschiedene Richtungen wegführten. Mehrere Treppen wanden sich von dort aus nach oben und auch nach unten. In der Mitte des Raumes steckten etwa ein halbes Dutzend Holzpfähle im Boden, an deren Spitzen eine Vielzahl von Wegweisern angebracht waren. Staunend betrachteten sie die Aufschriften: „Zauberhafte Aussicht“, hieß es zum Beispiel auf einem der Schilder. Darunter zeigte ein Pfeil auf eine der Treppen, die in die oberen Geschosse führte. Außerdem ging es hier noch zum „Raum der tausend Gedanken“, zur „Küche der sieben Weisheiten“ und zum „Traumzimmer“. Die Pfeile nach unten wiesen unter anderem den Weg zum „verzauberten Keller“, zum „Lager der Zauberstäbe“ und zur „Geisterstube“.

„Wieviele Räume hat das Schloss denn?“, erkundigte sich Lina und wies auf den verwirrenden Schilderwald. „Es müssen unzählige sein.“
Lüftchen, der in ihrer Hand lag, wusste darauf keine genaue Antwort: „Die Anzahl der Räume wechselt oft von Tag zu Tag. Wenn sie zu wenig benutzt wurden, verschwinden manche sogar eine Zeitlang und tauchen dann irgendwann wieder auf. Ich hoffe aber doch, dass die Bibliothek heute anwesend ist.“
„Hier!“, rief Fabian und deutete auf ein Hinweisschild, auf dem groß „Bibliothek der unantastbaren Bücher“ stand.
„Da geht’s lang – wir brauchen nicht mal eine Treppe hoch laufen.“
In der Tat reckte sich der Pfeil in Richtung eines ebenen Ganges, dessen Ende sich hinter einer scharfen Kurve verbarg.
„Gut gemacht, Fabian“, lobte ihn Lina und lief los. Fabian folgte ihr, doch als sie dem Gang in Stück weit gefolgt waren, vernahmen sie ein knarzendes Geräusch. Es kam aus der Eingangshalle. Lina rannte einfach weiter, doch Lüftchen schrie aufgeregt: „Wir müssen zurück!“
„Wieso?“, keuchte Lina atemlos und blieb stehen.
„Die Räume wechseln oft ihren Standort, so dass sich die Wegweiser automatisch ändern“, erläuterte ihr steinerner Freund. „Schnell, wir müssen weg sein, bevor Schneider ins Schloss zurück kommt!“ Fabian glaubte nicht recht, dass die Bibliothek plötzlich woanders sein könnte als hier und öffnete eine Tür, die sich rechts von ihm befand. Ein winziger leerer Raum mit einem Bett stand darin. Während Lina sich bereits auf dem Weg zurück befand, sah er noch in weitere Zimmer. In keinem davon lagerten Bücher.

Lüftchen und Lina riefen verzweifelt nach ihm, bis er schließlich kurzentschlossen den Gang zurückraste, wo er seine Schwester vorfand, die bereits auf den Schildern nach dem Weg zur Bibliothek suchte. Einige der Tafeln konnten sich wohl nicht recht entscheiden, denn sie änderten ständig ihre Neigung, zeigten mal nach oben, mal geradeaus und schließlich nach unten. Diejenige, auf der die Bibliothek angeschrieben stand, hatte sich nach oben ausgerichtet und bewegte sich nun nicht mehr. Durch das geöffnete Tor hörten sie Schneider ein Liedchen pfeifen. Es klang, als nähere er sich dem Schloss.
„Da rauf!“, kommandierte Fabian und schubste seine Schwester zu den Stufen.
„Na, na“, tadelte Lüftchen. „Ich bin sicher, Lina wäre ebenso gut allein den richtigen Weg gegangen.“
Doch Fabian reagierte nicht auf seine Worte, sondern stolperte bereits wie von Sinnen die Treppe hinauf, gefolgt von seiner Schwester. Sie konnten gerade noch in dem schmalen Korridor verschwinden, in den die Stiege mündete, bevor Schneider die Eingangshalle betrat.

Lina spürte deutlich ihren Herzschlag und hätte sich am liebsten erst einmal eine Minute ausgeruht, um wieder zu Atem zu kommen, doch sie mussten weiter, immer den Gang entlang. Sie kamen an einigen Türen vorbei, auf denen merkwürdige Symbole aufgemalt waren. Doch als Lina und Fabian schließlich über einer Türklinke eine Zeichnung mehrerer Bücher entdeckten, ahnten die Geschwister, dass sie endlich an ihrem Ziel angekommen waren.
„Tretet ruhig ein!“, forderte Lüftchen sie auf. „Es wird euch nichts geschehen.“
Lina holte tief Luft und drückte den Türgriff herunter.

Was sie im Inneren erwartete, übertraf all ihre Vorstellungen. An den Wänden des riesigen Raumes zogen sich Regale voll gefüllt mit Büchern bis weit nach oben. In der Mitte des Zimmers ragten Dutzende freistehende Bücherborde auf, die ebenso beinahe die Decke berührten. Um ihre obersten Reihen erkennen zu können, musste Lina ihren Kopf in den Nacken legen.
„Die Regale sind ja mindestens acht Meter hoch“, schätzte sie und Fabian fügte verblüfft hinzu: „Ein Wunder, dass sie nicht umfallen.“ An der ihnen gegenüberliegenden Seite durchbrachen vier winzige Fenster die Mauern des Büchersaals. Nur sehr dünne Sonnenstrahlen fielen dort hindurch, so dass der Saal ziemlich düster wirkte. Die Bücher selbst schienen uralt zu sein. Ihre Umschläge waren verblasst und die Titel kaum mehr leserlich. Um eines davon aus dem Regal zu nehmen, musste Fabian seine Hand durch ein dichtes Netz aus verstaubten Spinnweben strecken. Vorsichtig zog Fabian eine dicke Schwarte heraus. Staub fiel herab, als er sie aufschlug und in vergilbte Seiten blickte.
„Finger weg!“, schrie eine krächzende Stimme von weit oben herab. Verdutzt schaute Fabian zur Decke und sah dort einen kleinen braunen Punkt, der jedoch so schnell größer wurde, als schösse er mit rasender Geschwindigkeit auf ihn zu. Fabian schrie auf, als ihm fedrige Schwingen ins Gesicht peitschten...

© Ingrid Mayer 2016

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