Aktuell Wildkräuter Ratgeber Fantasy und Kurzgeschichten Kinderbücher Shop Über mich Verlag


Leseprobe aus "Zwistien und Zankistan"

Die blaue Tante


Meine Tante Irmgard ist eine ganz besondere Tante. Ihre Lieblingsfarbe ist blau und auch, wenn viele von euch jetzt denken, das sei nichts Besonderes, so täuscht ihr euch. In ihrer Wohnung ist alles blau: Die Wände sind blau gestrichen, Kornblumenblau, sagt sie immer dazu. Ihr Sofa ist glockenblumenblau, und darauf sitzt eine ganze Reihe Kissen in derselben Farbe. Alle Möbel hat sie selbst angemalt - ratet mal - richtig, in Blautönen. Neben dem himmelblauen Bett stehen noch jede Menge blaue Schalen und Vasen herum. Einmal hatte ich Veilchen für sie mitgebracht, doch die mochte sie nicht. Die waren ihr zu violett.

Meine Eltern mögen Tante Irmgard nicht besonders. Sie sagen, sie wäre etwas seltsam. Ich aber mag meine Tante, denn mit ihr ist es immer lustig. Als wir ihr beim Umzug halfen, staunten die Möbelpacker nicht schlecht, denn alles was sie besaß, hatte einen blauen Farbton. Natürlich zog sie in ein blaues Haus. Etwas anderes wäre nicht in Frage gekommen. Neuerdings will sich meine Mutter nicht mehr mit ihr auf die Straße wagen, seit sie neben dem blauen Nagellack nun auch noch blauen Lippenstift benutzt. Für solche Spielereien sei Irmgard einfach zu alt, meinte meine Mutter. Blöd fand sie auch, dass Irmgard sich jedes Mal ihren eigenen blauen Teller mitbrachte, wenn sie bei uns eingeladen war. Wir haben nämlich nur weißes Geschirr.
Jetzt besuche ich sie öfter. Ich sitze gerne bei ihr auf der blauen Couch, esse mit ihr Blaubeerkuchen und sehe zu, wie sie ihre blau geschminkten Augen rollt, wenn sie von früher erzählt. Damals war sie Lehrerin. Oft bekam sie ziemlichen Ärger mit der Direktion, denn wenn es vorkam, dass Schüler die Schule schwänzten und blau machten, drückte sie gerne einmal ein Auge zu. Die blaue Tafel, die sie beantragt hatte, bekam sie auch nie.

Ihr seht schon, meine Tante ist wirklich anders als andere Tanten. Aber vor kurzem hat sie es wirklich ein wenig übertrieben mit ihrem Blau-Tick. Eines Tages schaute sie bei uns vorbei. Ich machte die Tür auf und ließ sie herein. Zum Glück waren meine Eltern nicht da, denn die hätten schon wieder gemeckert. Sie kam nämlich gerade vom Friseur. Ihre kurzen Löckchen glänzten in einer frischen Tönung - Silberblau hieß der Farbton, verkündete sie stolz. Sie betrat mein Zimmer, eingehüllt in einen Geruch aus Lavendel (blaue Düfte stehen mir, hatte sie mir anvertraut) und legte erst einmal ihren Mantel ab. Ich glaube ihr wisst, welche Farbe er hatte.
"Heute habe ich dir etwas ganz Wunderbares mitgebracht!", rief Tante Irmgard.
Ich war ziemlich neugierig, denn sie trug so einen komischen Kasten mit sich, über den sie ein blaues Tuch gelegt hatte. Als sie den Stoff wegnahm, und der Käfig zum Vorschein kam, staunte ich nicht schlecht.
"So was gibt es doch gar nicht!", wunderte ich mich, doch Irmgard widersprach fast etwas ärgerlich: "Du siehst doch mit eigenen Augen, dass es so etwas gibt."

Dann öffnete sie die Käfigtür und ließ die kleine Katze heraus. Ich habe in meinem Leben schon viele Katzen gesehen. Schwarz-weiße, getigerte, graue und bunt gescheckte. Aber noch nie eine blaue.

Zum Seitenanfang


Kontakt © ingridmayer.de