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Leseprobe aus "Gespenst zugelaufen"

Der unerfüllte Wunsch

Als Amelie an diesem Morgen erwachte, fiel ihr Blick auf ein rosafarbenes Wesen. Es stand auf ihrem Schreibtisch und blickte das Mädchen treuherzig an. Für einen Moment war Amelie verwirrt, doch dann fiel ihr wieder ein, woher dieses Geschöpf kam. Sie stand auf und griff nach dem Spielzeug aus Plastik. Ein Pferd mit einem Horn auf der Stirn und einer viel zu langen blonden Mähne. Amelie drehte es in ihren Händen hin und her, bevor sie es wieder zurückstellte. Ihre Eltern hatten nichts verstanden. Gestern, während der Bescherung, hatte sich Amelie artig für das Geschenk bedankt, so als freue sie sich darüber. In Wahrheit war sie sehr enttäuscht. Doch zum Glück hatte das niemand bemerkt.

Unter dem Weihnachtsbaum türmte sich noch immer ein Gebirge aus zerknülltem Geschenkpapier, als Amelie ein wenig später das Haus verließ, um ihre Tante zu besuchen und ihr fröhliche Weihnachten zu wünschen.
Draußen segelten bauschige Flocken vom Himmel und bedeckten den Boden mit einer weißen Schicht. Den Weg zu der Tante war Amelie schon oft gegangen. Zuerst über die Straße, dann bog ein kleiner Feldweg ab, der am Waldrand entlang führte.

Eine feierliche Stille lag über der Landschaft, als Amelie neben den Bäumen des angrenzenden Waldes durch den Neuschnee stapfte. Zwischen schneebedeckten Ästen erkannte Amelie die Umrisse einer kleinen Hütte. Zuerst wollte sie weiter gehen, doch dann fiel ihr ein, dass an dieser Stelle noch nie zuvor ein Haus gestanden hatte. War das womöglich ein Hexenhäuschen, so wie im Märchen? Das musste sie sich ansehen. Amelie erwartete beinahe, dass es aus Lebkuchen gebaut war, doch als sie sich ihm näherte, stellte sich heraus, dass es ganz normale graue Mauern hatte.
Vorsichtig trat sie heran und spähte um die Hausecke. Dort, vor der Eingangstür, stand die Hexe mit ihrem Besen und kehrte den frischgefallenen Schnee von der Veranda.

“Sieh’ an! Besuch”, gurrte die alte Frau und lehnte den Besen mit dem Stiel an die Wand. Sie schüttelte ihre langen grauen Haare, in denen sich einige weiße Flocken verfangen hatten.
Als Amelie sich nicht von der Stelle bewegte und sie nur mit großen Augen anstarrte, fügte sie hinzu: “Du wirst doch nicht etwa Angst vor mir haben?”

“Bist du eine Hexe?”, brach es aus Amelie hervor. Im gleichen Moment wurde ihr bewusst, dass diese Frage wahrscheinlich sehr unhöflich war. Doch die Alte nahm ihr das nicht übel. Stattdessen lachte sie.
“Ich, eine Hexe, iwo!”
Dann, als sich die beiden für einen Moment schweigend gegenübergestanden waren, bot sie ihr an: “Komm’ doch rein und koste von meinem Zaubertrank!” Amelie erschrak. “Ein Zaubertrank?”
Sie sollte doch nicht etwa vergiftet werden?
“Nur ein Scherz”, kicherte die Frau. “Ich hab’ nur ganz normalen Tee. Nun komm schon!”
Vorsichtig folgte Amelie ihr durch den Eingang in einen winzigen Raum.
“Ich bin Isadora und wie heißt du?”, stellte sie sich vor. Amelie nannte ihren Namen und setzte sich an einen Holztisch. Während Isadora Tee aufbrühte, sah sie sich in dem Raum um. An den Wänden hingen unzählige Zettel, auf denen in krakeliger Kinderschrift verschiedene Begriffe untereinander standen. Die meisten davon waren durchgestrichen.
Isadora bemerkte, dass ihre Besucherin den ungewöhnlichen Wandschmuck betrachtete.
“Da staunst du, was?”
Amelie nickte beeindruckt.
“Was ist das?”, fragte sie.
Die kleine Frau schien vor Stolz ein wenig größer zu werden.
“Das alles sind Wunschzettel von Kindern”, erklärte sie. “Teilweise sind sie viele Jahre alt. Auf jedem von ihnen steht mindestens ein Wunsch, der nicht erfüllt wurde. Sieh’ nur, hier zum Beispiel.”
Sie deutete auf ein Notizblatt, auf dem stand: “Mantel, der unsichtbar macht”. Alle anderen Wünsche waren durchgestrichen. Isadora legte ihr noch andere Listen vor. Nach einer Zeitreise wurde dort verlangt, und ein anderes Kind hätte sich gerne mit einem echten Zauberer unterhalten.

“Woher hast du das alles?”, staunte Amelie, doch Isadora zuckte nur mit den Schultern.
“Man trägt es mir halt so zu.” Ihre Mundwinkel verzogen sich ein wenig nach oben und deuteten ein Grinsen an. “Jetzt fragst du bestimmt gleich, warum ich das hier alles sammle, nicht wahr?”
Amelie fühlte sich ertappt und nickte nur benommen, denn genau diese Frage hatte sie gerade stellen wollen. Im gleichen Moment fiel ihr Blick auf einen hellbraunen Zettel, den goldene Sternchen zierten. Obwohl die Liste darauf sehr lang war, stand nur ein einziger unerfüllter Wunsch auf dem Papier. Es war Amelies sehnlichster, denn sie selbst hatte ihn vor wenigen Wochen dort hingeschrieben. Sie sprang auf und rief: “Das ist mein Wunschzettel! Der mit den Sternen!” Es war unfassbar. Wie kam er hierher?

© Ingrid Mayer 2016

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