Aktuell Wildkräuter Ratgeber Fantasy und Kurzgeschichten Kinderbücher Shop Über mich Verlag


Leseprobe aus "Von Feen, Zauberern und Zwergen"

Vor langer, langer Zeit lebten auf einer Burg ein König mit seiner Frau, der Königin. Die Burg lag auf einem Hügel, und um den Hügel herum lag ihr Königreich, das sie regierten. Zankistan hieß das Land. Gleich daneben befand sich noch ein anderes Reich namens Zwistien.

Das Königspaar in Zankistan hatte eine Tochter namens Gerlind. Gerlind lebte gerne auf der Burg bei ihren Eltern, denn dort arbeiteten viele freundliche Menschen: Knechte und Mägde, Köchinnen, Ritter und Handwerker. Viele davon hatten Kinder, und so mangelte es ihr nicht an Spielgefährten. Am liebsten hielt sich Gerlind jedoch bei den Tieren auf. Dutzende Pferde standen im Stall zum Ausritt bereit, Katzen und Hunde streiften um die Gemäuer, und morgens wurde sie oft von den Gänsen geweckt, die heftig um die Wette schnatterten.

Eine Sache jedoch störte sie sehr. Denn ihre Eltern hatten kaum Zeit für ihre Tochter, so beschäftigt waren sie. Grund dafür war der immerwährende Streit mit dem benachbarten Königreich Zwistien.
Wenn Gerlind aus dem Fenster ihrer Kammer schaute, konnte sie in der Ferne die Türme der Burg von Zwistien erkennen. Auch dort regierte ein Königspaar, und sie hatten ebenfalls eine kleine Tochter. Das Königspaar weigerte sich strikt, mit Gerlinds Eltern zu sprechen, genauso wie sich Gerlinds Eltern weigerten, mit dem König oder der Königin von Zwistien zu sprechen. Warum sie nicht miteinander auskamen, wusste niemand, doch solange Gerlind zurück denken konnte, hatte es Streit zwischen ihnen gegeben. So verkehrten zwischen den beiden Reichen bis heute nur Boten, um Nachrichten aus dem Nachbarland zu bringen. Egal, welche Neuigkeiten es von dort zu vermelden gab, Gerlinds Eltern ließen kein gutes Haar daran. Wurden in Zwistien die Steuern erhöht, so schimpften sie, denn den armen Bauern und einfachen Leuten so viel Geld abzuknöpfen, hielten sie für niederträchtig. Senkte man die Steuern dagegen im Nachbarland, so schimpften der König von Zankistan und seine Frau ebenfalls, denn wenn die Bauern im eigenen Land davon erfuhren, würden sie unzufrieden werden und von ihrem König verlangen, er möge auch ihren Steueranteil verringern.

Und so verhielt es sich mit allem. Egal, was man in Zwistien beschloss - nichts davon wurde in Zankistan gutgeheißen. Natürlich war es umgekehrt genauso. Auch in Zwistien empörte sich der König über jede Entscheidung, die Gerlinds Vater fällte.

Zu jener Zeit suchte man in Zankistan einen neuen Hofzauberer. Der alte Zauberer hatte beschlossen, den Königshof zu verlassen. Unzählige Jahre hatte er für zankistanische Könige gearbeitet, doch nun fühlte er sich zu alt dafür und wollte in den Ruhestand treten.
Bald, nachdem diese Nachricht bekannt wurde, schickte der König Boten ins Land, um die Kunde zu verbreiten, dass ein neuer Hofzauberer gesucht würde. Alle Interessenten sollten sich am ersten Sonntag im Mai auf der Burg einfinden, um sich und ihr Können vorzustellen.
Gerlind freute sich sehr auf diesen Tag, denn die Zauberer würden sich alle mächtig anstrengen und die unglaublichsten Dinge herbeizaubern. Jeder würde sein Bestes geben, um die Anstellung als Hofzauberer zu erhalten.

Am ersten Sonntag im Mai bevölkerten Scharen von Menschen den Burghof. Viele Zauberer waren angereist, aber die Aussicht auf ein Riesenspektakel hatte auch unzählige Schaulustige angelockt.
Bereits am frühen Morgen begannen die ersten Darbietungen. Ein Bewerber nach dem anderen durfte seine Kunst zu Schau stellen, indem er etwas Besonderes herbei zauberte. Gerlind bereitete es großen Spaß, das Wettzaubern zu verfolgen. Ein großer dürrer Mann, dem kaum mehr Haare auf dem Kopf wuchsen, rief ein unsichtbares Orchester herbei, das den Burghof mit lieblichster Musik erfüllte. Ein anderer konnte das Wetter beeinflussen und fragte Gerlind, welches Wetter sie wünschte. Gerlind wollte Sonnenschein. Tatsächlich blies kurze Zeit später, nachdem sie diesen Wunsch ausgesprochen hatte, ein starker Wind die Wolken hinfort. So manchem Zuschauer wehte der Sturm den Hut vom Kopf. Das Durcheinander, das entstand, als die Leute ihren Kopfbedeckungen nachjagten, fand Gerlind furchtbar lustig anzusehen. Doch es dauerte nur eine kurze Weile, dann beruhigte sich das Wetter und die Sonne kam zum Vorschein. Die Menschen klatschten Beifall. Manche Zauberer zauberten lange Tafeln mit Essen und Trinken herbei oder lustige Gespenster, die über den Köpfen der Menge schwebten und Witze erzählten. Ein kleines rotgesichtiges Männchen, das eher einem Zwerg ähnelte als einem Zauberer, beeindruckte Gerlind besonders mit seiner Darbietung. Es streute ein winziges Samenkorn auf den Platz vor der Burg. Die Menge wich auseinander, als an dieser Stelle jäh ein Baum emporschoss. Innerhalb weniger Minuten war der Baum so groß, dass Gerlind den Kopf weit in den Nacken legen musste, um seine obersten Äste erkennen zu können. Seine herzförmigen Blätter raschelten leise im Wind und bald herrschte Stille auf dem Burghof, den jeder lauschte andächtig dem sanften Blätterrauschen. Vollkommene Ruhe lag über der gesamten Burg, solange bis das Zwerglein den Baum wieder verschwinden ließ. Beim nächsten Kandidaten wurde es wieder lauter, denn er bewirkte, dass die Erde um die Burg herum aufbrach, sodass ein Graben entstand, der sich mit Wasser füllte. So konnte niemand mehr so leicht in die Burg eindringen.

Zum Seitenanfang


Kontakt © ingridmayer.de